Basilikata: Die Region, die sich vor ihren Besuchern versteckt
Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2026 · Lesezeit: ca. 7 Minuten · Von Mario Viggiani
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| Focacceria in Corso della Repubblica, Montescaglioso |
Für den Teig:
Für den Belag:
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| Original Focaccia aus Süditalien |
Wenn du deine Familie in Montescaglioso bei Matera besuchst, begegnet dir die Cucina povera nicht als Stil, sondern als Alltag.
Immer wenn ich meine Tante Lina besuche, kocht sie für uns, in der Via Magenta, mitten im historischen Teil der Stadt. Mit leeren Händen kommt man dort nicht an. Mein Mitbringsel ist deshalb fast immer dasselbe: frische Focaccia vom Bäcker, die wir gemeinsam zum Essen auf den Tisch stellen. Gebacken habe ich sie in diesem Rezept nach, gekauft wird sie vor Ort. Das sind meine drei Adressen:
Wer in Montescaglioso unterwegs ist, kann die Focaccia also gleich im Ort probieren, bevor er sie zu Hause selbst backt.
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| Hoch am Hügel thront die Stadt Montescaglioso |
Der Süden Italiens war lange arm: schlechte Böden, weite Wege, eine Landwirtschaft, die vom Wetter abhing. Aus dieser Knappheit entstand eine Küche, die bis heute geschätzt wird, weil sie nicht nach Armut schmeckt, sondern nach Konzentration: Brot, Olivenöl, Hülsenfrüchte, Gemüse, Kräuter, wenig Fleisch.
Die Cucina povera ist keine Rezeptsammlung, sondern eine Arbeitsweise. Man kocht, was die Saison und der Garten hergeben. Wo Käse fehlte, kamen geröstete Brotbrösel auf die Pasta. Brot war nicht Beilage, sondern Grundlage, frisch, getrocknet, gerieben oder geröstet verwendet. Die Focaccia gehört in diese Logik: wenig Zutaten, klarer Geschmack, kein Aufwand, der von der Herkunft ablenkt.
Viele Rezepte sind nie aufgeschrieben worden, sondern werden über Hände, Mengen und Gerüche weitergegeben. Mehr Alltagsgerichte der Region findest du bei Orecchiette mit Brokkoli und Spaghetti con Carciofi.
Die Focaccia aus Montescaglioso ist keine Ableitung der Focaccia Barese. Sie gehört in einen gemeinsamen kulinarischen Raum. Matera und Montescaglioso liegen nur wenige Kilometer von Apulien entfernt, und der Weg zum Markt, zum Verwandten oder aufs Feld führt oft über die Regionsgrenze. Die Küche fragt nicht, wo die Verwaltungslinie verläuft.
Das zeigt sich an den Produkten: Pane di Matera und Pane di Altamura stehen für zwei Brottraditionen auf Hartweizenbasis, Orecchiette, Cime di rapa und Salsiccia lucana wandern ebenso über die Grenze. Wer die Focaccia nur einer Region zuordnet, verkürzt sie. Wie eng dieser Raum verwoben ist, zeigt der Alltag in Montescaglioso.
Flache, in der Glut gebackene Brote gehören zu den ältesten Backwaren überhaupt und sind aus dem gesamten Mittelmeerraum und dem Nahen Osten bekannt. Der Name stammt vom lateinischen panis focacius, dem „am Herd gebackenen Brot“, abgeleitet von focus (Feuerstelle, Herd). Daraus wurde das italienische focaccia, im Genuesischen fugassa.
In der Basilikata gibt es eigene Formen: die Focaccia liscia, die einfache Variante, die traditionell vor dem großen Brot gebacken und noch am selben Tag gegessen wurde, und die Strazzata aus der Gegend um Avigliano, deren Name auf das „Zerreißen“ mit den Händen verweist.
Die Tomate ist eine spätere Zutat: Sie kam nach 1492 aus Amerika nach Europa und wurde erst nach und nach zum Alltagslebensmittel. Die Focaccia mit Pomodorini ist also eine regionale Weiterentwicklung, die aber genau in die Logik der armen Küche passt: Pomodorini sind klein, intensiv und brauchen keinen zusätzlichen Käse. Den historischen Hintergrund der Armut beschreibt Kindheit in Montescaglioso.
Ligurien als Namensgeber, nicht als Alleinerbe. Die Focaccia Genovese (fluffig, ölig, mit Grübchen und grobem Salz) und die Focaccia di Recco (hauchdünn, mit Weichkäse gefüllt) prägen bis heute das Bild der Focaccia. Die Focaccia di Recco col formaggio ist seit 2015 als g.g.A. (IGP) geschützt, die Eintragung findest du im EU-Register eAmbrosia. Für die einfachen Focacce des Südens gibt es keinen vergleichbaren Schutz, sie sind lokale Praxis geblieben.
Der Süden: eine Familie von Praktiken. Die Focaccia Barese kennt mehrere Varianten, etwa mit Kirschtomaten und Oliven oder mit Kartoffeln im Teig. Dazu kommen weiße Formen wie die Focaccia Leccese. Gemeinsam ist ihnen die Herkunft aus der Alltagsküche und dem Holzofen: Man nutzte die Anfangshitze, bevor das große Brot eingeschoben wurde.
Nährwerte. Die Focaccia ist nicht „arm“, sondern energiereich: Je nach Rezept und Ölmenge liegt sie grob bei 250–350 kcal pro 100 g, mit viel Kohlenhydraten und vergleichsweise wenig Eiweiß und Ballaststoffen. Mit einem Anteil Vollkorn- oder Hartweizenmehl und einem Gemüsegericht dazu wird daraus eine ausgewogene Mahlzeit.
Die Focaccia mit Pomodorini ist ein Paradebeispiel für die Cucina povera: wenige Zutaten, ein einfaches Verfahren, ein Ergebnis, das für sich steht. In Montescaglioso und der Basilikata ist sie Teil der Familientradition und liegt in einem Grenzraum, in dem sich Basilikata und Apulien küchentechnisch kaum trennen lassen. Ligurien liefert Name und bekannteste Form, aber nicht den Maßstab. In Genua ist sie fluffig und ölig, in Recco dünn und käsegefüllt, in Bari mit Tomaten und Oliven, in Montescaglioso schlicht mit Pomodorini: Einheit im Namen, Vielfalt in der Praxis.
Über diesen Artikel: Geschrieben von Mario Viggiani nach Besuchen in Montescaglioso und Matera und aus Gesprächen mit Familie und Erzeugern vor Ort. Zuletzt aktualisiert am 21. Oktober 2026. Quelle für den Schutzstatus der Focaccia di Recco: EU-Register eAmbrosia.
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