Basilikata: Die Region, die sich vor ihren Besuchern versteckt
Italien hat über 350 offiziell dokumentierte Pastaformen. Viele kennt man: Spaghetti, Penne, Fusilli. Andere begegnen einem erst zufällig – etwa bei einem Familienbesuch, in einer kleinen Trattoria oder durch ein Geschenk aus dem Süden Italiens.
So ging es mir vor kurzem mit Foglie di Ulivo, einer Pastaform, die ich bis dahin noch nie gesehen hatte.
Meine Tante Maria aus Montescaglioso, einem kleinen Ort in der Region Basilicata, hatte sie uns geschickt. Montescaglioso liegt unweit der berühmten Felsenstadt Matera, mitten in der eher unbekannten Region Basilicata.
Beim ersten Blick in die Packung war sofort klar: Diese Pasta ist anders. Klein, leicht gebogen und mit einer Struktur, die tatsächlich an ein Olivenblatt erinnert.
Und genau daher kommt auch der Name.
Foglie di Ulivo bedeutet wörtlich übersetzt: Olivenblätter. Die Pastaform ahmt die schmale, leicht gedrehte Struktur eines Olivenblattes nach.
Optisch wirkt sie zunächst unscheinbar. Doch genau diese Form hat einen praktischen Effekt:
Die leichte Drehung hält Sauce besonders gut
Die Oberfläche nimmt Olivenöl und Tomaten perfekt auf
Die Pasta bleibt auch bei längerer Kochzeit stabil
Traditionell wird sie aus Hartweizengrieß (Semola di grano duro) hergestellt – wie viele Pastaarten aus Süditalien.
Interessant ist jedoch ihre geografische Herkunft.
Bei meiner kleinen Recherche im Internet tauchte ein merkwürdiges Detail auf.
Viele Quellen beschreiben Foglie di Ulivo als typisch für zwei Regionen:
Diese Regionen könnten geografisch kaum weiter auseinander liegen. Ligurien ist geprägt von Küstenküche und Pesto. Apulien hingegen steht für Olivenöl, Hartweizen und rustikale Bauernküche.
Doch meine Tante kommt aus der Basilikata – einer Region, die kulinarisch oft übersehen wird.
Das führt zu einem kleinen, aber bekannten Problem:
Viele traditionelle Produkte aus der Basilikata werden international einfach Apulien zugeschrieben, weil diese Region touristisch viel bekannter ist.
Das betrifft nicht nur Pastaformen, sondern auch:
Olivenöle
Hartweizenprodukte
regionale Tomatensorten
Kulinarische Traditionen halten sich jedoch selten strikt an Verwaltungsgrenzen. Familienrezepte wandern über Generationen von Region zu Region.
An diesem Tag spielte sich die Szene ziemlich typisch für eine italienisch geprägte Familie ab.
Die Rollen waren klar verteilt.
Meine Schwester Paola übernahm das Kochen der Pasta. Foglie di Ulivo brauchen etwa 11 bis 13 Minuten, um perfekt al dente zu sein. Genau in diesem Fenster lag auch der ideale Punkt.
Der eigentliche Star kam jedoch aus der Vorratskammer.
Mein Vater – bei uns einfach Nonno genannt – hatte Monate zuvor eine große Menge Tomaten verarbeitet. Selbst gepflanzt, im Sommer geerntet, langsam gekocht mit:
Knoblauch
reichlich Basilikum
etwas Salz
und viel Geduld
Die fertige Tomatensauce wanderte anschließend in Spezialgläser und wurde im Vorratsraum gelagert. Eine klassische Methode, die in vielen Familien in Süditalien bis heute üblich ist.
Als die Sauce später wieder erhitzt wurde, zog der Duft von Basilikum durchs ganze Haus – bis hinaus auf die Terrasse.
Draußen: Sonnenschein.
Drinnen: der Geruch von Tomaten und Olivenöl.
Die fertige Pasta brauchte kaum mehr als ein paar Zutaten:
Foglie di Ulivo
Tomatensauce aus eigener Ernte
ein Schuss Olivenöl aus dem Familienhain im Süden
frisch geriebener Parmesan
eingelegte Peperoncini in Olivenöl
Mehr war es nicht.
Und trotzdem entstand genau das, was italienische Küche so oft ausmacht: ein einfacher Teller mit viel Tradition.
Vorher gab es noch einen frischen Salat mit einem Bärlauch-Dressing, leicht und aromatisch.
Doch das eigentliche Highlight blieb die Pasta mit der Tomatensauce.
Solche Essen liefern immer auch kleine Alltagsstudien.
Mein Neffe Sergio war begeistert und schnappte sich direkt zwei Teller.
Meine Schwester Paola achtet eher auf die Linie und blieb bei einer kleineren Portion.
Ich selbst bin gerade in einer etwas eigenartigen Phase:
Diät ohne Sport.
Also ebenfalls nur ein Teller.
Für Nonno war das Ergebnis trotzdem ein voller Erfolg.
Denn am Ende gilt oft eine einfache Regel:
Je traditioneller und einfacher ein Gericht ist, desto besser funktioniert es.
![]() |
| Foglie di Ulivo mit Tomatensauce und Parmesan. Im Hintergrund: Tomaten- Bärlauchsalet. |
Eine exakte Datierung ist schwierig, weil viele Pastaformen jahrhundertelang mündlich überliefert wurden. Historische Kochbücher aus Italien dokumentieren zwar zahlreiche Formen, doch kleine regionale Varianten tauchen darin oft erst sehr spät auf.
Was man jedoch weiß:
Pasta aus Hartweizengrieß existiert in Süditalien seit mindestens dem 12. Jahrhundert
Viele spezielle Formen entstanden zwischen 1500 und 1800
Sie entwickelten sich oft aus lokalen Werkzeugen oder handwerklichen Techniken
Die Form der Foglie di Ulivo dürfte wahrscheinlich mehrere hundert Jahre alt sein, auch wenn sie erst in moderner Zeit industriell produziert wurde.
Der Bezug zum Olivenblatt ist übrigens typisch für Regionen mit starkem Olivenanbau – also genau jene Gegenden, in denen die Pasta heute verbreitet ist.
Ein paar interessante Daten aus der europäischen Lebensmittelstatistik:
Italien produziert jährlich über 3,5 Millionen Tonnen Pasta
Der durchschnittliche Italiener isst etwa 23 kg Pasta pro Jahr
Deutschland liegt bei rund 9 kg pro Person jährlich
Über 60 % der italienischen Pastaexporte gehen in EU-Länder
Dabei dominieren weltweit nur etwa 20–30 Formen den Markt – obwohl es hunderte gibt. Spezialformen wie Foglie di Ulivo bleiben deshalb oft regionale Geheimtipps.
Foglie di Ulivo ist keine spektakuläre Gourmetpasta.
Sie ist eher das Gegenteil: eine kleine, traditionelle Form aus dem Alltag italienischer Familienküchen und ganz schön lecker.
Der Name bedeutet auf Italienisch „Olivenblätter“. Die Pastaform ist bewusst so gestaltet, dass sie an ein kleines Olivenblatt erinnert.
Sie wird häufig mit den Regionen Ligurien und Apulien verbunden. Viele Familien in der Basilicata nutzen sie jedoch ebenfalls traditionell.
Die Kochzeit liegt meist zwischen 11 und 13 Minuten, abhängig vom Hersteller. Ziel ist immer al dente – also bissfest.
Sehr gut funktionieren:
einfache Tomatensaucen
Pesto
Gemüse-Saucen
leichte Fleischragouts
Durch die Form haftet Sauce besonders gut.
Ja. In manchen Regionen Italiens wird sie frisch handgerollt hergestellt. Im Handel findet man jedoch meist die getrocknete Variante aus Hartweizengrieß.
Foglie di Ulivo ist kein Superstar unter den Pastaformen.
Man findet sie selten im Supermarkt, noch seltener auf Restaurantkarten. Vielleicht liegt genau darin ihr Reiz.
Sie erzählt von Regionen, die kulinarisch oft übersehen werden – wie die Basilikata. Von Familien, die Tomaten im Sommer einkochen. Und von einfachen Mahlzeiten, bei denen ein Teller Pasta mehr ist als nur Essen.
An diesem sonnigen Tag auf der Terrasse hat genau das funktioniert.
Ein Teller.
Tomaten, Basilikum, Olivenöl.
Und eine Pastaform, die man nicht jeden Tag bekommt.
Übrigens, auch ganz lecker: Spaghetti mit Artischocken
Foglie di Ulivo Pasta: Herkunft, Geschichte und Rezeptidee. Entdecke die besondere Pastaform aus Süditalien und warum sie so gut zu Tomatensauce passt.
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